Biografie von Hannah Arendt
Hannah Arendt, verehrt und verdammt
Sie war mit Heidegger im Bett, gehörte zu den gefragtesten Denkerinnen ihrer Zeit und wurde als Jüdin und Freiheitskämpferin von den Nazis verachtet. Bekannt wurde Hannah Arendt durch ihre Theorie zur totalen Herrschaft und ihr politisches Konzept der Pluralität.
Hannah Arendt gerät in die Kritik: Mit ihrer Eichmann-Reportage soll sie den Holocaust verharmlost haben
Zu ihren populärsten Werken gehört die kontrovers diskutierte Reportage "Eichmann in Jerusalem - Ein Bericht von der Banalität des Bösen", die 1953 erschien.
Die Reportage über den "erschreckend normalen" Menschen Adolf Eichmann, der den "Verwaltungsmassenmord" unter Hitler an Millionen von Juden vorangetrieben hatte, löste ein Beben aus, von dem Verleger heute bisweilen träumen. An der Autorenwahl lag es nicht. Hannah Arendt war längst eine gefragte Denkerin. Spätestens seit ihrem Buch über die „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951) zweifelte niemand mehr an ihrer Qualifikation. Ihre Gedanken zu dem Prozess, der 1961 so viel Aufsehen erregt hatte, wurden neugierig erwartet. Was geschah, zeichnet der Film „Hannah Arendt“ von Margarethe von Trotta einfühlsam nach: Das Buch flog seiner Autorin um die Ohren. Kein Vorwurf, den sie nicht zu hören bekam: Dumm sei das Buch und schlecht recherchiert, die Autorin arrogant und überschätzt, eine ehrgeizige Philosophin, vor lauter Theorien im Kopf blind für die Wirklichkeit.
Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus über den Prozess gegen Adolf Eichmann, Geschlechterrollen und politisches Denken und Handeln
Vor allem zwei Thesen riefen Widerspruch hervor: die Charakterisierung Adolf Eichmanns und die Bewertung der Rolle einiger jüdischer Gemeindevorsteher bei der Organisation der Judenverfolgung.Hinterher will es ja immer keiner gewesen sein, aber das meiste, was man Hannah Arendt bis heute vorwirft, hatten andere ohne viel Aufsehen schon lange vorher gesagt. Prozessbeobachter aus allen Teilen der Welt berichteten 1961 irritiert über den Angeklagten. Eichmann sei „so farblos“, schrieb Alfred Wolfmann für die „Allgemeine Jüdische“, ein „erbärmlicher Waschlappen“. Der „Neuen Zürcher Zeitung“ erschien er „wie ein ganz gewöhnlicher Kleinbürger“ und Joachim Schwelien staunte für die „Frankfurter Allgemeine“ über die „Sätze von geradezu grotesker Banalität“. „Eine durchschnittliche Type“, nannte er ihn und bezeichnete ihn schon 1961 als „Hanswurst“. Erst als Hannah Arendt das Wort zwei Jahre später wiederholte, galt es als Sakrileg. Den Begriff der „Banalität des Bösen“, für den Eichmann nur der Anlass war, wollte man überhaupt nicht diskutieren.
Auch die Rolle der sogenannten Judenräte sorgte schon seit Jahren für Debatten. Eichmann hatte in den jüdischen Gemeinden Männer zur Mitarbeit genötigt. Aus harmlosen Hilfsdiensten wurde Mitwirkung bei Vertreibung und Deportation. Eichmann wählte Menschen, deren Verantwortungsbewusstsein sie besonders anfällig für ein Handeln machte, das einer regelrechten Kollaboration zum Verwechseln ähnlich sah. Macht korrumpiert sogar noch die Ohnmächtigen. Bis zum tödlichen Ende hielten viele Eichmann für das geringere Übel, nur weil er nicht selber zuschlug. Rudolf Kasztner, der für ein zionistisches Hilfskomitee mit Eichmann über die Rettung von Juden in Ungarn verhandeln musste, ließ sich zu der Hoffnung verleiten, man könne das Massenmorden durch Reden verhindern. Eben dieser Mann geriet 1957 in Israel unter Beschuss, und zwar ganz wörtlich: Nachdem Richter Benjamin Halevy ihm in einem Prozess vorgeworfen hatte, die „Hand dem Satan gereicht“ zu haben, wurde Kasztner auf offener Straße erschossen.
Im Eichmann-Prozess brach das Unverständnis erneut aus. Gerade weil Eichmann so farblos wirkte, unterschätzten viele seine gefährliche Manipulationskraft.
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