Sonntag, 22. März 2015

John Locke, Versuch über den menschlichen Verstand


John Lockes Biografie





Jürgen Manthey ist Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Essen. Er ist Autor einer psychologischen Studie über das Sehen in Philosophie und Literatur.
John Lockes „Versuch über den menschlichen Verstand“ hätte zu keinem bedeutsameren Zeitpunkt erscheinen können: 1690, zum Abschluß der Glorious Revolution von 1688/89, die in England den historischen Kompromiß zwischen Adel und Bürgertum besiegelte. Mit der Einsetzung des Königs William III. war die konstitutionelle Monarchie als Staatsform etabliert. An der Spitze der englischen Gesellschaft steht seitdem ein König, der als der besitzendste, der reichste Bürger des Landes die Wunschexistenz aller Bürger in diesem Sinne verkörpert. Politischer reichste rän ist das Parlament. Das entsprach vollkommen Lockes Definition der Kategorie des Allgemeinen: Ein Allgemeines ist demnach ein einzelnes, das viele andere einzelne repräsentiert. Was über den einzelnen steht (z. B. Abstraktionen), ist nicht von oben her begründet, vor den konkreten einzelnen (Dingen, Individuen) dagewesen, sondern erklärt sich, legitimiert sich von diesen her.
Das eine Verbindung zwischen politischer Theorie und Erkenntnistheorie bei Locke sich so leicht herstellen läßt, ist nicht erst ein Verdienst nachträglicher Analyse. Locke hatte kurz vor dem „Versuch“ seine „Zwei Abhandlungen über die Regierung“ veröffentlicht, deren Zweck er im Vorwort selbst nennt: „den Thron unseres großen Retters, des gegenwärtigen Königs William zu festigen und die Berechtigung seines Anspruchs auf die Zustimmung des Volkes zu beweisen“.
Sogar die Vorliebe der Engländer, Frankreich als ihr bevorzugtestes Reiseland, die Franzosen aber als ihre Antipoden schlechthin zu betrachten, findet in diesem Denken Berücksichtigung. Locke wendet sich mit seinem „Versuch“ gegen die tonangebende Philosophie der Zeit. Es ist dies der Rationalismus von Descartes und seinen Anhägern, die alle Gegenstände der äußeren Wirklichkeit in Objekte eines geistigen Formalismus aufzulösen, sie in der Abstraktion mathematischer Figuren verschwinden zu lassen trachteten.
Locke selbst ist dabei berühmt durch eine Formel, die ganz ähnlich auf ein Verschwindenlassen hinzudeuten scheint: Die tabula rasa steht bei ihm an allem Anfang (und nicht am Ende des Denkens), der reine Tisch, unter den er im Laufe seines „Versuchs“ eine Menge zu kehren hatte Tabula rasa bedeutet, daß jeder von uns mit einem Verstand geboren wird, der einem weißen Stück Papier gleicht. Sogleich beginnt zwar das Leben darauf zu schreiben, doch bis dahin, d. h. von Geburt, sind in unserem Verstand keinerlei Ideen (ideas) anzutreffen, auch nicht die eines Gottes. („Idea“ bedeutet nicht Idee im Sinne Platons, eher das Abbild der Dinge in unserem Kopf.) Locke hat nicht vorgehabt, ein neues philosophisches System zu errichten. Er sah sich lediglich den Boden dafür vom Unkraut des falschen Denkens reinigen, mehr nicht.
Das ist die bezeichnende Haltung eines Mannes, der als einzelner repräsentativ für andere denkt. Locke macht nach Abschluß des „Versuchs“, an dem er während 19 Jahren gearbeitet hat, keinerlei Anstalten, auf dem so bereiteten Boden in einem zweiten Anlauf sein philosophisches Gebäude hochzuziehen. Die Philosophie, die aus seinen Überlegungen folgt, ist die Lebensform einer ganzen Nation, der englischen. Was Locke aufklärt, geht nicht im Kopf von Philosophen weiter, wie das in Deutschland üblich und auch im Sinne der meisten Denkenden war, sondern in der Lebendigkeit der Geschichte der (vielen einzelnen) Engländer.
Präsentation in Prezi.









Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen